Versuchswagen 1955

Ein DKW F 91/4 kehrt zurück.

Fast 55 Jahre nach seiner Montage in Handarbeit im Stammwerk Ingolstadt kehrt der DKW Geländewagen mit der Fahrgestellnummer 0019 zurück. Nicht nur das es der älteste noch existierende Geländewagen vom Typ F 91/4 ist, nein, es handelt sich um eine der raren Exemplare mit Kunststoffkarosse.

Fahrgestellnummer 0019, Baujahr 1955, DKW F 91/4 mit einem 0,9 Liter Motor und 38 PS.

Bekanntlich experimentierte die Auto Union Mitte der 50er Jahre bei dem zu entwickelnden Geländewagen nicht nur mit einer Stahlblechkarosse, sondern es wurden auch Versuche mit Kunststoff- und Alukarosserien vorgenommen bzw. die Blechvarianten erhielten zur Gewichtsreduzierung ebenfalls Kunststoffteile, wie z.B. die Motorhaube, den Handschuhkasten und den Armatureneinsatz. Sämtliche Werkzeuge zur Kunststoffverarbeitung wurden damals in Ingolstadt unter größter Geheimhaltung gefertigt. Unterstützung durch namhafte Kleinserienhersteller, wie zum Beispiel die Fa. Karmann in Osnabrück, erfolgten. Überlegt wurde auch eine Mischfertigung aus Kunststoffkarossen und Stahlblechkarossen, um letztlich größere Mengen in kürzester Zeit zur Verfügung zu stellen. Eine einfache Stahlblechkarosse hätte ebenfalls die Fa. Karmann pressen können, es ist nur bei einem Versuch geblieben.

Die Kunststoffkarosse war im Gegensatz zum Metallaufbau immun gegen Witterungseinflüsse, die Karosse rostete nicht und wirkte verständlicherweise schwingungsdämpfend. Auch bei etwaigen Beschädigungen gibt es keine Verformung, jegliche Instandsetzungsarbeiten sind erheblich einfacher und damit preiswerter zu realisieren.

Bekanntlich entwickelte die Auto Union in dieser Zeit den DKW STM III mit Kunststoffkarosserie .

Bis zum Herbst 1955 erfolgte eine Fertigung von 15 Vorserien- bzw. Nullserienfahrzeugen, davon zwei Stahlblechkarossen und 13 Fahrzeuge mit Kunststoffkarosserie.

Bekanntlich nahmen Fahrzeuge mit einer Kunststoffkarosse bei den sogenannten Lübecker Erprobungs- und Vergleichsfahrten teil (vergl. www.Munga-ig.de History..)

Aufgrund der abschließenden Vergleichsberichte, und der nicht überschaubaren Probleme mit einem neuen Werkstoff (Kunststoff), entschloss man sich letztlich, zukünftig nur Fahrzeuge in Stahlblechausführung zu bauen. Bei den Geländeeinsätzen ergaben sich Rissbildungen. Obwohl bei kleineren Karosseriebeschädigungen eine Instandsetzung viel einfacher und preiswerter war, hatte ein Unfall auf der vereisten Autobahn gravierende Beschädigungen der Kunststoffkarosse zur Folge.

An der ab Januar 1956 stattfindenden vergleichenden Erprobung der Fahrzeuge in der ¼ t. Klasse nahmen auch Fahrzeuge der Auto Union mit Kunststoffkarosse teil, die erst im Dezember 1955 in Handarbeit fertig gestellt waren. Noch im Dezember übergab die Auto Union 11 Geländewagen mit 900 ccm DKW-Zweitakt-Motor. Federführend für die Erprobung war die sogenannte Dienststelle Blank.

Am 29.12. 1955 wurde der Geländewagen mit der laufenden Nummer 19 unter dem Kennzeichen FR 78 3031 in Ingolstadt zugelassen. Es erfolgte die Abnahme der 11 Fahrzeuge durch die Abnahmebeamten des Bundesverteidigungsministeriums, erste Fahrversuche erfolgten in Ingolstadt, ehe dann die Fahrzeuge verladen wurden und per Bahnversand noch im Dezember 1955 Richtung Andernach auf den Weg gebracht wurden. In der DKW Nachrichten 1956 wurde ausführlich hierüber berichtet.

Bereits am 2. Januar 1956 wurden die Fahrzeuge in Andernach vorgestellt und vorgeführt . Bei der Einweisungsfahrt vom Geländewagen 0,25 t. DKW durch den Betreuungsingenieur Hr. Brand brach an dem le. gl. LKW 0,25 t. DKW "FR 78-3031", Fahrgestellnummer 0019, Motornummer 53 47, KM Stand 324, beim Überfahren einer Bodenwelle in einer Kiesgrube das Kreuzgelenk der linken hinteren Antriebshalbwelle und die rechte vordere Antriebswelle an der Verbreiterung zur Flosse am Ausgleichsgetriebe. Die Ursache konnte nicht eindeutig geklärt werden. Lag ein Montagefehler oder gar Sabotage vor?

Erneut wird das Fahrzeug am 7.2.1956 bei einem Kilometerstand von 971 erwähnt. Das Gaspedal war bei Geländefahrten gebrochen.

Nach Abschluss der Erprobung beim Lehrregiment in Andernach wurde der Geländewagen der Truppe zur Verfügung gestellt. Der weitere Verbleib ist noch nicht hinreichend geklärt. Erstmalig ergeben sich seit 1971 neue Erkenntnisse. Zu diesem Zeitpunkt erfolgte eine Musterabnahme des gerbauchten Fahrzeuges in Österreich.

Neben der erwähnten Kunststoffkarosse enthält das Fahrzeug viele Detailausstattungen aus der Nullserie, der Testphase. So ist der aus der DKW Sonderklasse bewährte 3-Zylinder Zweitaktmotor mit 38 PS montiert worden. Die Auspuffanlage bestand aus einem trommelartigen Vor- und langgezogenen Hauptschalldämpfer. Das 4-Gang Getriebe enthielt bereits die Geländeuntersetzung, sodass 8 Vorwärts- und 2 Rückwärtsgänge zur Verfügung standen. Der permanent angetriebene Wagen (der abschaltbare Allradantrieb stand für diese Versuchswagen nicht mehr zur Verfügung) hatte eine Handbremsanlage am Hinterachsdifferential. Die Handbremsbetätigung war, wie in dieser Testphase üblich, links vom Fahrersitz montiert. Im Gegensatz zur späteren Serie enthielt das Kfz eine einfache Armaturenbretttafel mit außenliegendem Sicherungskasten .


Hupenknopf + Blinkerhebel wurden nachgerüstet.

DKW Tacho und das alte Kraftstoffmessinstrument

Motorheizung und erste Sitzgeneration

Motorraum und Handbremse

Die Front und die Kühlanlage

Die linke Fahrzeugseite

Der "Natoknochen" versteckt unter dem Armaturenbrett - die direkte Verbindung zu den Batterien.

Fahrzeugabnahmegutachten 1971 - noch gut zu erkennen die seitlichen Winker in der Karosse.

Frontansicht total

Derzeit wird geprüft, ob das Fahrzeug von der AUDI AG für das firmengeschichtliche Museum in Ingolstadt erworben und restauriert werden kann. Damit wäre dauerhaft der Erhalt dieses seltenen Fahrzeuges aus der Baureihe "Kunststoff 1955" gesichert.

© Ullrich Märker für MUNGA Interessengemeinschaft, November 2009

Nachdruck auch auszugsweise nur mit Genehmigung des Verfassers


Im Jahr 2010 erwarb Audi Tradition das Fahrzeug. Mit der Übernahme in die Sammlung der Audi Tradition kehrte der Munga nach 55 Jahren an seine Geburtsstätte zurück. Somit ist der dauerhafte Erhalt gesichert und es besteht die Möglichkeit, den Munga einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.



© Volker Märker, Januar 2011